Zervikogener Kopfschmerz – wenn der Kopfschmerz vom Nacken kommt
Viele Menschen mit Kopfschmerzen spüren auch ihren Nacken. Daraus folgt aber noch nicht, dass der Kopfschmerz vom Nacken kommt. Einen Kopfschmerz, der tatsächlich aus der Halswirbelsäule stammt, nennen Fachleute zervikogen. Ich erkläre hier, woran man ihn erkennt, wie häufig er ist und wie er sich von Migräne und Spannungskopfschmerz unterscheidet.
Wie kann der Nacken Kopfschmerzen machen?
Die Nerven aus den oberen Halssegmenten und der Trigeminusnerv, der Gesicht und Stirn versorgt, laufen im Hirnstamm an derselben Stelle zusammen. Dort kann das Gehirn nicht immer unterscheiden, woher ein Schmerzsignal kommt. Ein Reiz aus den oberen Halsgelenken oder Nackenmuskeln kann darum als Schmerz am Hinterkopf, an der Stirn oder hinter dem Auge empfunden werden. In Versuchen hat man das gezeigt: Werden Gelenke und Muskeln der oberen Halswirbelsäule gereizt, entsteht Schmerz im Kopf. Mehr zum Trigeminusnerv steht auf der Seite Der Trigeminusnerv.
Woran erkennt man einen zervikogenen Kopfschmerz?
Die internationale Kopfschmerz-Klassifikation ICHD-3 nennt den zervikogenen Kopfschmerz unter der Nummer 11.2.1. Für die Diagnose verlangt sie:
- eine Störung oder Verletzung der Halswirbelsäule oder der Weichteile am Hals, die nachweislich Kopfschmerz auslösen kann, festgestellt in der Untersuchung oder in der Bildgebung,
- einen Zusammenhang, der sich auf mindestens zwei Arten zeigt: Der Kopfschmerz begann zusammen mit der Störung am Hals; er wurde besser, als die Störung besser wurde; die Beweglichkeit des Halses ist eingeschränkt, und bestimmte Bewegungen verstärken den Kopfschmerz deutlich; oder eine gezielte Betäubung einer Struktur am Hals schaltet den Kopfschmerz aus,
- und keine andere Diagnose, die besser passt.
Typisch, aber nicht beweisend sind nach der ICHD-3 ein Schmerz, der immer auf derselben Seite sitzt, der sich durch Druck auf die Nackenmuskeln oder durch Kopfbewegungen auslösen lässt und der vom Hinterkopf nach vorne zieht.
Was das Röntgenbild dazu sagt
Wenig. Die ICHD-3 schreibt ausdrücklich, dass Befunde in der oberen Halswirbelsäule auf Bildern häufig auch bei Menschen ohne Kopfschmerz vorkommen. Sie sind ein Hinweis, aber kein Beweis. Eine norwegische Studie hat die Bänder und Gelenke am Übergang vom Kopf zum Hals im MRT verglichen, bei Menschen mit zervikogenem Kopfschmerz, nach einem Schleudertrauma und mit Migräne. Es fanden sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen. Mehr zu Bildern vom Atlas finden Sie auf der Seite Röntgen und MRT am Atlas.
Wie häufig ist er?
In einer großen Bevölkerungsstudie aus Norwegen wurden 1838 Erwachsene befragt und untersucht. 4,1 Prozent erfüllten die Kriterien für einen Kopfschmerz vom Nacken, allerdings nach den Kriterien einer eigenen Forschergruppe, die etwas anders sind als die der ICHD-3. Bei fast allen von ihnen begann der Schmerz im Nacken oder am Hinterkopf.
Diese Zahl ist ein Grund zur Vorsicht. Ein verspannter Nacken ist bei Kopfschmerzen sehr häufig. Ein Kopfschmerz, der wirklich aus dem Nacken kommt, ist deutlich seltener.
Zervikogen, Migräne oder Spannungskopfschmerz?
Die drei können sich ähneln, und manche Menschen haben mehr als eine Form.
- Migräne: Attacken von Stunden bis Tagen, meist pulsierend, stärker bei Bewegung, mit Übelkeit oder Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusche. Nackenschmerzen sind bei Migräne häufig, sie machen daraus aber keinen zervikogenen Kopfschmerz.
- Spannungskopfschmerz: drückend oder beengend, meist beidseitig, leicht bis mittelstark, ohne Übelkeit, nicht stärker bei Bewegung.
- Zervikogener Kopfschmerz: einseitig und immer auf derselben Seite, vom Nacken ausgehend, ausgelöst oder verstärkt durch Kopfbewegungen oder Druck am Nacken, mit eingeschränkter Beweglichkeit des Halses. Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit können vorkommen, meist schwächer als bei Migräne.
Einen ausführlichen Vergleich mit Beispielen aus dem Alltag habe ich im Blogbeitrag Kopfschmerzen: Spannungskopfschmerz, Migräne oder vom Nacken? geschrieben. Ein einschießender, nur Sekunden dauernder Schmerz am Hinterkopf passt eher zu einer Okzipitalneuralgie.
Was hilft?
Die Studienlage ist nicht groß. In einer Studie mit 200 Menschen mit zervikogenem Kopfschmerz bekamen die Teilnehmenden sechs Wochen lang manuelle Behandlungen an der Halswirbelsäule, ein Übungsprogramm mit geringer Belastung, beides oder nichts davon. Nach einem Jahr hatten die Gruppen mit Behandlung oder Übungen seltener und schwächer Kopfschmerzen als die Gruppe ohne. Die Kombination war nicht deutlich besser als eine der beiden allein. Die Atlaskorrektur wurde in dieser Studie nicht untersucht.
Eine Übersichtsarbeit weist darauf hin, dass sich ein zervikogener Kopfschmerz mit den klinischen Kriterien allein nicht sicher feststellen lässt. Sicher wird die Diagnose erst mit gezielten Nervenblockaden unter Röntgenkontrolle, die eine Ärztin oder ein Arzt durchführt.
Was das für meine Arbeit heißt
Zur Atlaskorrektur selbst gibt es bisher nur wenige Studien, das sage ich offen. Eine Kopfschmerz-Diagnose stelle ich nicht, und mein Ansatz ersetzt die ärztliche Abklärung nicht, er ergänzt sie. Beim Ersttermin lasse ich mir Zeit und untersuche gründlich, wie der Atlas steht, wie beweglich die Halswirbelsäule ist und wie gespannt Muskeln und Gewebe sind. Sehe ich danach keinen sinnvollen Behandlungsansatz, sage ich Ihnen auch das. Wie ich bei Kopfschmerzen arbeite, steht auf der Seite Migräne und Kopfschmerzen.

Häufige Fragen
Ist jeder Kopfschmerz mit verspanntem Nacken zervikogen?
Nein. Nackenschmerzen begleiten auch viele Migräneattacken und Spannungskopfschmerzen. Zervikogen ist ein Kopfschmerz erst, wenn er nachweislich aus der Halswirbelsäule kommt.
Kann viel Sitzen am Bildschirm zervikogene Kopfschmerzen machen?
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Was die Studien zu Bildschirmarbeit und Kopfschmerz sagen, habe ich im Blogbeitrag Kopfschmerzen am Bildschirm zusammengefasst, und was sie zur Haltung sagen, auf der Seite Haltung, Kopfvorschub und „Handynacken“.
Wann muss ich mit Kopfschmerzen sofort zum Arzt?
Bei einem plötzlichen, sehr heftigen Kopfschmerz, bei Fieber mit steifem Nacken, bei Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, bei einem neuen Kopfschmerz nach einem Unfall und bei einem neuen, einseitigen Nacken- und Kopfschmerz, der Tage anhält. Woran Sie einen Notfall sonst noch erkennen, beschreibe ich auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Nicht abwarten dürfen Sie bei einem Kopfschmerz, der schlagartig kommt und der stärkste Ihres Lebens ist: Wählen Sie sofort die 112, genauso bei einer plötzlichen Lähmung, einer Sprach- oder Sehstörung oder Taubheit im Gesicht. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: ICHD-3, 11.2.1 Cervicogenic headache. ichd-3.org
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: ICHD-3, 1.1 Migraine without aura. ichd-3.org
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: ICHD-3, 2.2 Frequent episodic tension-type headache. ichd-3.org
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: ICHD-3, 6.5.1.1 Acute headache or facial or neck pain attributed to cervical carotid or vertebral artery dissection. ichd-3.org
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- Bogduk N, Govind J: Cervicogenic headache: an assessment of the evidence on clinical diagnosis, invasive tests, and treatment. Lancet Neurol 2009;8(10):959–968. PubMed 19747657
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