
Röntgen und MRT: Was man am Atlas sieht – und was nicht
Viele, die zu mir kommen, bringen Röntgenbilder oder MRT-Befunde mit. Oft steht darin kein Wort zum Atlas, manchmal Begriffe, die beunruhigen. Ich erkläre hier, was die verschiedenen Aufnahmen am obersten Halswirbel zeigen können, wann sie wirklich nötig sind und warum ein Bild allein selten erklärt, woher Beschwerden kommen.
Wann ist ein Bild vom Nacken nötig?
Nach einem Unfall entscheiden Ärztinnen und Ärzte nach festen Regeln, ob die Halswirbelsäule geröntgt oder im CT untersucht werden muss. Die bekannteste ist die Canadian C-Spine Rule. Sie fragt zum Beispiel nach dem Alter, nach einem gefährlichen Unfallhergang und nach Kribbeln in Armen oder Beinen. In der Studie, aus der die Regel stammt, hatten 1,7 Prozent der untersuchten Unfallpatienten eine bedeutsame Verletzung der Halswirbelsäule.
Ob eine Aufnahme sinnvoll ist, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.
Das normale Röntgenbild
Ein Röntgenbild zeigt Knochen: ihre Form, Brüche und die Stellung der Wirbel zueinander. Am Atlas schaut man unter anderem auf den Dens, den Zahn des Axis, der zwischen den beiden Seitenteilen des Atlas steht.
Manchmal fällt auf, dass der Abstand zwischen Dens und Atlas rechts und links verschieden ist. Eine Studie, in der 301 Unfallpatienten im CT untersucht wurden, zeigt, wie vorsichtig man damit sein muss: Schon eine Drehung des Kopfes bei der Aufnahme hängt mit ungleichen Abständen zusammen. Unterschiede unter einem Millimeter konnten verschiedene Untersucher nicht verlässlich ablesen. Die Autoren raten, eine solche Ungleichheit nie allein als Zeichen einer Verletzung zu werten.
Funktionsaufnahmen: Röntgen in Beugung und Streckung
Bei einer Funktionsaufnahme wird die Halswirbelsäule einmal mit nach vorn gebeugtem und einmal mit nach hinten gestrecktem Kopf geröntgt. So sieht man, ob sich Wirbel bei Bewegung stärker gegeneinander verschieben als normal. Gesucht wird damit vor allem eine Instabilität, zum Beispiel nach einer Verletzung oder bei rheumatoider Arthritis.
Auch hier ist das Ablesen nicht einfach. In einer Studie mit 72 gesunden Menschen, im Mittel 64 Jahre alt, unterschieden sich die meisten der sieben üblichen Messwerte deutlich zwischen der Aufnahme in Beugung und der in Streckung. Die Autoren betonen, wie wichtig es ist, diese normale Schwankung zu kennen, bevor man einen Wert als krankhaft einstuft.
CT und MRT
Die Computertomografie zeigt die Knochen in dünnen Schichten und in drei Dimensionen. Damit lässt sich die Stellung von Atlas und Axis genau vermessen. Genau das hat eine Studie aus Finnland getan, an 100 Menschen ohne Unfall und ohne anhaltende Nackenbeschwerden. Bei 98 von ihnen fanden sich eine leichte Verdrehung zwischen Atlas und Axis, ein nicht ganz mittig stehender Dens oder leicht versetzte Gelenkflächen. Die Verdrehung hing mit der Kopfdrehung in der Kopfstütze zusammen. Die Autoren werten diese Befunde als normale Spielart der Anatomie.
Das MRT zeigt Weichteile: Bandscheiben, Rückenmark, Bänder, Muskeln. Es arbeitet ohne Röntgenstrahlen. Auch hier sind Befunde ohne Beschwerden häufig. In einer Studie aus Japan mit 1211 Menschen ohne Beschwerden hatten 87,6 Prozent Vorwölbungen von Bandscheiben am Hals, und schon bei den 20- bis 29-Jährigen waren es drei Viertel. Bei den Bändern der Kopfgelenke fanden Studien helle Signale bei Menschen mit und ohne Schleudertrauma ähnlich oft. Mehr dazu auf der Seite Die Bänder der oberen Halswirbelsäule.

Upright-MRT: im Sitzen oder Stehen
Ein normales MRT wird im Liegen gemacht. Beim Upright-MRT, auch Positions-MRT genannt, sitzt oder steht man, und der Kopf kann gebeugt, gestreckt oder gedreht werden. Die Idee ist einleuchtend: Manche Veränderungen könnten erst unter dem Gewicht des Kopfes sichtbar werden.
Ob diese Aufnahmen tatsächlich zu besseren Diagnosen führen, ist aber nicht belegt. Eine Bewertung der Gesundheitsbehörde der kanadischen Provinz Ontario hat 2015 nach Studien gesucht, die das Upright-MRT bei Verdacht auf Störungen am Übergang vom Kopf zur Halswirbelsäule mit anderen Verfahren vergleichen. Sie fand keine einzige, die die Einschlusskriterien erfüllte.
Kann man eine „Atlasfehlstellung“ auf dem Bild sehen?
Ehrlich gesagt: nicht so, wie es oft erwartet wird. Eine genaue Aufnahme zeigt fast immer kleine Asymmetrien zwischen Atlas und Axis, auch bei Menschen ohne Beschwerden, und schon die Kopfhaltung bei der Aufnahme verändert das Bild. In den Studien, die ich für diese Seite gelesen habe, gibt es keinen festgelegten Messwert, der eine behandlungsbedürftige „Atlasfehlstellung“ von einer normalen Spielart trennt. Was die Begriffe Atlasblockade, Atlasfehlstellung und Atlasrotation bedeuten, erkläre ich auf einer eigenen Seite: Atlasblockade, Atlasfehlstellung, Atlasrotation.
Wofür Bilder unverzichtbar sind: Verletzungen nach einem Unfall, eine Instabilität, etwa bei rheumatoider Arthritis, oder Druck auf das Rückenmark. Genau das muss ausgeschlossen sein, bevor jemand am Nacken behandelt. Diese Abklärung kann meine Untersuchung nicht ersetzen.
Wie ich in meiner Praxis vorgehe
Am Anfang steht die Anamnese: Ich frage nach Ihren Symptomen und lasse mir Ihre Vorgeschichte erzählen. Es folgen eine genaue Untersuchung und Vermessung: Ich untersuche die Atlasposition manuell und funktionell und vermesse die Körperstatik vor der Behandlung und zur abschließenden Kontrolle. Vorhandene Röntgen- und MRT-Befunde schaue ich mir gern an. Sie sind vor allem wichtig, um auszuschließen, was gegen eine Atlaskorrektur spricht. Welche Befunde das sind, steht auf der Seite Kontraindikationen der Atlaskorrektur.
Ich möchte auch bei der Untersuchung mit den Händen ehrlich sein: Eine Übersichtsarbeit zur Tastuntersuchung der Wirbelsäule fand, dass verschiedene Untersucher bei Tastbefunden oft zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Am verlässlichsten waren Tests, ob Druck einen bekannten Schmerz auslöst, und die Beweglichkeit ganzer Abschnitte.

Häufige Fragen
In meinem Befund steht „Steilstellung der HWS“. Ist das schlimm?
Meist nicht für sich allein. Manche Menschen haben eine Steilstellung im MRT, ohne nennenswerte Beschwerden zu entwickeln. Was dahinterstecken kann, erkläre ich auf der Seite HWS-Steilstellung.
Sollte ich vor der Atlaskorrektur ein MRT machen lassen?
Nicht routinemäßig. Wenn Warnzeichen da sind, nach einem Unfall oder bei Beschwerden, die ärztlich noch nicht abgeklärt sind, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt über die Bildgebung. Wann Sie sofort Hilfe brauchen, steht auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Sieht man im MRT, ob die Wirbelarterie verletzt ist?
Ein normales MRT der Halswirbelsäule ist dafür nicht gemacht. Eine Verletzung der Gefäße wird mit Ultraschall, CT- oder MR-Angiografie gesucht. Mehr dazu auf der Seite Die Arteria vertebralis.
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Wenn Sie plötzlich eine Lähmung, eine Sprach- oder Sehstörung, Taubheit im Gesicht oder den stärksten Kopfschmerz Ihres Lebens bekommen, brauchen Sie keinen Termin für ein Bild, sondern sofort den Notruf 112. Welche Untersuchung dann nötig ist, entscheidet die Klinik. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
- Stiell IG et al.: The Canadian C-spine rule for radiography in alert and stable trauma patients. JAMA 2001;286(15):1841–1848. PubMed 11597285
- Billmann F et al.: Occurrence and significance of odontoid lateral mass interspace asymmetry in trauma patients. World J Surg 2013;37(8):1988–1995. PubMed 23612745
- Gordillo AJ et al.: Radiographic Indicators of Craniocervical Instability: Analyzing Variance of Normative Supine and Upright Imaging in a Healthy Population. Clin Spine Surg 2025;38(5):E246–E250. PubMed 39465681
- Song J et al.: Rheumatoid Arthritis in the Cervical Spine: An Updated Review of Epidemiology, Imaging, and Surgical Indications. Spine Surg Relat Res 2026;10(3):331–342. PubMed 42292559
- Peltonen H et al.: Variations in the atlantoaxial joint detected by computed tomography in control patients. Radiography 2025;31(6):103183. PubMed 41061502
- Nakashima H et al.: Abnormal findings on magnetic resonance images of the cervical spines in 1211 asymptomatic subjects. Spine 2015;40(6):392–398. PubMed 25584950
- Li Q et al.: Magnetic resonance imaging signal changes of alar and transverse ligaments not correlated with whiplash-associated disorders: a meta-analysis of case-control studies. Eur Spine J 2013;22(1):14–20. PubMed 23143091
- Health Quality Ontario: Positional Magnetic Resonance Imaging for People With Ehlers-Danlos Syndrome or Suspected Craniovertebral or Cervical Spine Abnormalities: An Evidence-Based Analysis. Ont Health Technol Assess Ser 2015;15(13):1–24. PubMed 26366238
- Biller J et al.: Cervical arterial dissections and association with cervical manipulative therapy. Stroke 2014;45(10):3155–3174. PubMed 25104849
- Seffinger MA et al.: Reliability of spinal palpation for diagnosis of back and neck pain: a systematic review of the literature. Spine 2004;29(19):E413–E425. PubMed 15454722
