
Die Arteria vertebralis – Durchblutung an der Halswirbelsäule
Durch die Halswirbelsäule ziehen zwei Arterien nach oben, die einen Teil des Gehirns mit Blut versorgen: die Wirbelarterien, in der Fachsprache Arteria vertebralis. Am Atlas machen sie eine enge Kurve. Ich erkläre hier, wie sie verlaufen, welche seltene, aber ernste Erkrankung sie betreffen kann und wie ich in meiner Praxis damit umgehe.
Wie verläuft die Wirbelarterie?
Die beiden Wirbelarterien entspringen rechts und links aus der Schlüsselbeinarterie. Sie steigen durch kleine Löcher in den Querfortsätzen der Halswirbel nach oben, Wirbel für Wirbel, wie durch einen Kanal aus Knochenringen.
Am Atlas ändert sich der Verlauf. Die Arterie tritt aus seinem Querfortsatz aus, biegt nach hinten und innen und läuft in einer Rinne auf dem hinteren Bogen des Atlas. Dann zieht sie durch das große Hinterhauptsloch in den Schädel. Dort vereinigen sich die beiden Wirbelarterien zur Arteria basilaris. Über sie bekommen Hirnstamm und Kleinhirn ihr Blut.

Warum ist diese Stelle so empfindlich?
Die Wirbelarterie liegt hier in direkter Nachbarschaft zu den beweglichsten Gelenken der Wirbelsäule: Etwa die Hälfte der gesamten Drehung des Halses findet zwischen Atlas und Axis statt. Einrisse der Halsarterien, um die es im nächsten Abschnitt geht, kommen im oberen Teil der Halswirbelsäule am häufigsten vor. Wie die Kopfgelenke gebaut sind, beschreibe ich auf der Seite Atlas und Axis; welche Bänder sie halten, auf der Seite Die Bänder der oberen Halswirbelsäule.
Was ist eine Dissektion?
Selten reißt die innere Wandschicht einer Halsarterie ein. Fachleute nennen das Dissektion. An der verletzten Stelle können sich Blutgerinnsel bilden, die mit dem Blutstrom ins Gehirn geschwemmt werden. Das ist der häufigste Weg, auf dem eine Dissektion zu einem Schlaganfall führt.
Wie selten das ist, zeigt eine Bevölkerungsstudie aus den USA: Eine Dissektion der Wirbelarterie wurde dort bei etwa einem von 100.000 Menschen pro Jahr festgestellt. Die meisten Betroffenen erholten sich gut. Trotzdem gehört eine Dissektion zu den häufigeren Ursachen eines Schlaganfalls bei jüngeren Menschen.
Eine Dissektion kann ohne erkennbaren Anlass entstehen. In einer großen internationalen Studie hatten aber vier von zehn Betroffenen im Monat davor ein Ereignis am Hals erlebt, meist etwas Leichtes. Die Autoren sprechen deshalb lieber von einem „mechanischen Auslöser“ als von einem Unfall.
Woran man eine Dissektion erkennen kann
Das häufigste und oft erste Zeichen ist ein neuer Kopf- oder Nackenschmerz. Er ist meist einseitig, auf der Seite des betroffenen Gefäßes, oft heftig, manchmal schlagartig, und hält im Mittel mehrere Tage an. Er kann einer Migräne ähneln. Später können Zeichen einer Durchblutungsstörung im Gehirn oder im Auge dazukommen, also die Zeichen eines Schlaganfalls:
- plötzlicher Schwindel oder Gangunsicherheit
- plötzliche Sehstörungen oder Doppelbilder
- ein hängender Mundwinkel, Taubheit im Gesicht
- Schwäche oder Taubheit in Arm oder Bein
- Sprachstörungen
Ein neuer, ungewohnt heftiger Nacken- oder Kopfschmerz, vor allem zusammen mit einem dieser Zeichen, muss sofort ärztlich abgeklärt werden. Bei Lähmung, Sprach- oder Sehstörungen, Taubheit im Gesicht, einer Bewusstseinsstörung oder wenn der Schmerz der stärkste Ihres Lebens ist, wählen Sie den Notruf 112. Weitere Warnsignale, etwa nach einem Unfall, stehen auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Behandlungen am Nacken und Dissektion
Seit Jahren wird diskutiert, ob Manipulationen an der Halswirbelsäule eine Dissektion auslösen können. Eine Stellungnahme der American Heart Association von 2014 beschreibt einen statistischen Zusammenhang, hält aber offen, ob die Behandlung die Ursache ist. Denkbar ist auch, dass die Dissektion schon vorher bestand und ihr Nackenschmerz der Grund war, Hilfe zu suchen.
Eine große Studie aus Kanada stützt diese Erklärung: Menschen mit einem Schlaganfall im Versorgungsgebiet der Wirbelarterien waren vorher ähnlich häufig beim Chiropraktiker wie bei der Hausärztin oder beim Hausarzt. Das Risiko war nach dem Chiropraktiker nicht höher als nach dem Hausarztbesuch.
Für alle, die am Nacken arbeiten, heißt das: Die Zeichen einer Dissektion kennen und vor jeder Behandlung danach fragen. Eine internationale Fachgesellschaft der Manualtherapeuten hat dafür 2023 einen Leitfaden veröffentlicht.
Wie ich sicher arbeite
Meine Atlaskorrektur ist keine chiropraktische Behandlung: Ich renke nichts ein und arbeite ohne ruckartige Manipulation. Bekannte Gefäßerkrankungen der hirnversorgenden Arterien, zum Beispiel ein Aneurysma oder eine fortgeschrittene Arteriosklerose, schließen eine Behandlung bei mir aus, ebenso nicht ärztlich abgeklärte neurologische Symptome, auch Schwindel. Wer blutverdünnende Medikamente einnimmt oder eine bekannte Gerinnungsstörung hat, kann nur nach vorheriger Abklärung mit dem Arzt und mit mir behandelt werden. Die ganze Liste steht auf der Seite Kontraindikationen der Atlaskorrektur.

Häufige Fragen
Drückt ein verschobener Atlas auf die Wirbelarterie?
Das wird oft behauptet. Eine Studie, die das bei Menschen mit einer sogenannten Atlasfehlstellung belegt, habe ich nicht gefunden. Was belegt ist: Die Arterie verläuft in einer Rinne auf dem hinteren Bogen des Atlas, also sehr nah an ihm.
Kann ich mit Schwindel zur Atlaskorrektur kommen?
Erst, wenn der Schwindel ärztlich abgeklärt ist. Plötzlicher Schwindel zusammen mit Doppelbildern, Sprachstörungen oder Lähmungen ist ein Notfall. Mehr zu Schwindel und Atlas steht auf der Seite Schwindel.
Sieht man eine Dissektion im Röntgenbild?
Nein. Ein normales Röntgenbild zeigt die Knochen, nicht die Gefäße. Eine Dissektion wird mit Ultraschall, CT- oder MR-Angiografie gesucht. Was Röntgen und MRT am Atlas zeigen, erkläre ich auf der Seite Röntgen und MRT am Atlas.
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Sofort handeln müssen Sie auch bei plötzlicher Taubheit im Gesicht oder dem stärksten Kopfschmerz Ihres Lebens: Wie bei plötzlichen Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen gilt dann der Notruf 112. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
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- OpenStax: Anatomy and Physiology 2e, Kapitel 20.5 Circulatory Pathways (Lizenz CC BY 4.0). openstax.org
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