
Haltung, Kopfvorschub und „Handynacken“
„Sitz gerade!“ haben die meisten von uns als Kind gehört. Heute heißt die Sorge „Handynacken“: der Kopf, der stundenlang nach vorn über das Telefon geneigt ist. Ich erkläre hier, was mit Kopfvorschub gemeint ist und was die Forschung über Haltung und Nackenschmerz wirklich weiß. Die Antwort ist weniger eindeutig, als es oft heißt.
Was ist Kopfvorschub?
Von der Seite betrachtet sitzt der Kopf bei aufrechter Haltung ungefähr über den Schultern. Beim Kopfvorschub, englisch „forward head posture“, steht er weiter vorn. In Studien wird er oft auf Fotos von der Seite vermessen.
Ein Rechenmodell hat gezeigt, dass die Kräfte auf die Halswirbelsäule zunehmen, je weiter der Kopf nach vorn geneigt ist. Die genauen Kilo-Zahlen, die dazu oft im Internet stehen, stammen aus diesem Modell, nicht aus Messungen an Menschen. Ich nenne sie darum nicht.
Macht Kopfvorschub Nackenschmerzen?
Hier wird es interessant. Eine Auswertung von 15 Studien kam zu einem gemischten Ergebnis. Erwachsene mit Nackenschmerzen hatten im Mittel einen etwas stärkeren Kopfvorschub als Erwachsene ohne Beschwerden, und je stärker der Kopfvorschub, desto stärker waren oft die Schmerzen. Bei Jugendlichen fand sich dieser Zusammenhang nicht.
Diese Studien haben alle zu einem Zeitpunkt gemessen. Sie zeigen, dass Kopfvorschub und Nackenschmerz bei Erwachsenen oft zusammen vorkommen. Ob die Haltung den Schmerz verursacht oder ob Menschen mit Schmerzen den Kopf anders halten, können sie nicht beantworten.
Und der „Handynacken“?
In einer Studie aus Brasilien wurden 150 junge Erwachsene zwischen 18 und 21 Jahren beim Schreiben von Nachrichten auf dem Handy beobachtet. Ob ihr Kopf dabei stark nach vorn geneigt war, hing nicht damit zusammen, ob oder wie oft sie Nackenschmerzen hatten. Die Autoren schreiben, ihre Ergebnisse stellen die verbreitete Annahme in Frage, dass die Haltung am Handy hinter den zunehmenden Nackenschmerzen steckt.
Eine Studie aus Australien hat 686 junge Menschen über fünf Jahre begleitet. Ihre Sitzhaltung wurde mit 17 Jahren auf Fotos vermessen, mit 22 Jahren wurden sie nach anhaltenden Nackenschmerzen gefragt. Bei den Männern spielte die Haltung keine Rolle. Bei den Frauen hatten ausgerechnet die, die mit 17 aufrecht saßen, später häufiger Nackenschmerzen als die, die entspannter oder mit vorgeschobenem Kopf saßen. Den stärksten Hinweis auf spätere Nackenschmerzen gaben Nackenschmerzen schon mit 17.
Was heißt das?
Ich möchte ehrlich sein: Haltung und Schmerz hängen nicht so eng zusammen, wie es oft behauptet wird. Drei Fachleute haben 2019 in einer Fachzeitschrift für Physiotherapie geschrieben, dass es für die verbreiteten Regeln zum „richtigen“ Sitzen und Stehen keine starken Belege gibt und dass um diese Regeln eine große Industrie mit Produkten zur Haltungskorrektur entstanden ist.
Das heißt nicht, dass Haltung egal ist. Bei Erwachsenen mit Nackenschmerzen ist ein Kopfvorschub häufiger, und bei Menschen mit häufigen Kopfschmerzen fand eine Übersichtsarbeit einen stärkeren Kopfvorschub als bei Menschen ohne. Es heißt aber, dass eine bestimmte Haltung allein selten die ganze Erklärung ist. Bei vielen meiner Patienten werden die Beschwerden mit Stress, wenig Schlaf und langen Tagen am Bildschirm stärker.
Was Sie selbst tun können
Für Übungen gibt es bessere Belege als für eine bestimmte Haltung. In einer Studie mit Büroangestellten, die häufig Nacken- und Schulterschmerzen hatten, trainierten die Teilnehmenden zehn Wochen lang an fünf Tagen in der Woche mit einem elastischen Band. Schon zwei Minuten am Tag reichten, damit sie an deutlich weniger Tagen Kopfschmerzen hatten als die Vergleichsgruppe. Wie Sie Bildschirm und Arbeitsplatz einstellen können und was das mit Kopfschmerzen zu tun hat, beschreibe ich im Blogbeitrag Kopfschmerzen am Bildschirm – was der Kopfvorschub damit zu tun hat.
Was das für meine Arbeit heißt
Belastungen, Bewegungsmuster, Haltungsgewohnheiten und Vorgeschichte sind bei jedem anders, deshalb gibt es bei mir kein Schema F. Zur Untersuchung gehört bei mir die Körperstatik: Wie ist die Gesamthaltung? Wie Nacken und Rücken zusammenhängen können, steht auf der Seite Nacken- und Rückenschmerzen, und was eine „gerade“ Halswirbelsäule im Röntgenbild bedeutet, auf der Seite HWS-Steilstellung.

Häufige Fragen
Kann ich meine Haltung dauerhaft „korrigieren“?
Nach den Studien oben ist nicht sicher, dass eine andere Haltung die Schmerzen verändert. Für kurzes, regelmäßiges Krafttraining gibt es dagegen Belege.
Schadet das Handy meinem Kind?
Für Jugendliche fand die Auswertung von 15 Studien keinen Zusammenhang zwischen Kopfvorschub und Nackenschmerz. Zu Bildschirmzeit, Schlaf und Bewegung bei Kindern berät die Kinderärztin oder der Kinderarzt.
Ab wann sollte ich mit Nackenschmerzen zum Arzt?
Sofort bei Kribbeln, Schwäche oder Taubheit in Armen oder Beinen, nach einem Unfall, bei Fieber mit steifem Nacken und bei einem neuen, heftigen, einseitigen Nacken- oder Kopfschmerz. Die übrigen Notfallzeichen habe ich auf meiner Seite Neurologische Warnsignale zusammengestellt.
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Haltung kann warten. Eine plötzliche Lähmung, eine Sprach- oder Sehstörung, Taubheit im Gesicht oder der stärkste Kopfschmerz Ihres Lebens können es nicht: Wählen Sie dann sofort den Notruf 112. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
- Hansraj KK: Assessment of stresses in the cervical spine caused by posture and position of the head. Surg Technol Int 2014;25:277–279. PubMed 25393825
- Mahmoud NF et al.: The Relationship Between Forward Head Posture and Neck Pain: a Systematic Review and Meta-Analysis. Curr Rev Musculoskelet Med 2019;12(4):562–577. PubMed 31773477
- Damasceno GM et al.: Text neck and neck pain in 18–21-year-old young adults. Eur Spine J 2018;27(6):1249–1254. PubMed 29306972
- Richards KV et al.: Is Neck Posture Subgroup in Late Adolescence a Risk Factor for Persistent Neck Pain in Young Adults? A Prospective Study. Phys Ther 2021;101(3). PubMed 33444448
- Slater D et al.: „Sit Up Straight“: Time to Re-evaluate. J Orthop Sports Phys Ther 2019;49(8):562–564. PubMed 31366294
- Elizagaray-Garcia I et al.: Chronic Primary Headache Subjects Have Greater Forward Head Posture than Asymptomatic and Episodic Primary Headache Sufferers: Systematic Review and Meta-analysis. Pain Med 2020;21(10):2465–2480. PubMed 33118601
- Andersen LL et al.: Effect of brief daily exercise on headache among adults – secondary analysis of a randomized controlled trial. Scand J Work Environ Health 2011;37(6):547–550. PubMed 21617837
- Do TP et al.: Red and orange flags for secondary headaches in clinical practice: SNNOOP10 list. Neurology 2019;92(3):134–144. PubMed 30587518
- Stiell IG et al.: The Canadian C-spine rule for radiography in alert and stable trauma patients. JAMA 2001;286(15):1841–1848. PubMed 11597285
