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Kopfschmerzen am Bildschirm – was der Kopfvorschub damit zu tun hat
von Frank Libossek | Oktober 31, 2026 | Migräne & Kopfschmerzen
Acht Stunden Bildschirm, abends noch das Handy, und gegen Nachmittag drückt der Kopf. Bei vielen meiner Patienten wird es schlimmer, wenn Stress und Schlafmangel dazukommen. Was dabei mit der Haltung des Kopfes passiert, was die Forschung dazu sagt und was Sie selbst ändern können, schreibe ich hier auf.
Was ist der Kopfvorschub?
Wer lange auf einen Bildschirm schaut, schiebt den Kopf oft unbemerkt nach vorne. Das Kinn wandert in Richtung Monitor, der Kopf liegt nicht mehr über den Schultern, sondern davor. Beim Handy kommt das Nach-unten-Schauen dazu. In der Fachsprache heißt das Kopfvorschub oder Kopf-Vorhalte, englisch „forward head posture“.
Der Kopf ist dann wie ein Gewicht an einem längeren Hebel. Die Muskeln im Nacken, vor allem die kleinen Muskeln direkt unter dem Schädel, müssen ihn halten, damit er nicht nach vorne kippt. Ein Rechenmodell eines New Yorker Wirbelsäulenchirurgen hat berechnet, wie die Kräfte auf die Halswirbelsäule mit jedem Grad Vorneigung steigen. Es ist ein Modell, keine Messung an Menschen, darum nenne ich hier keine Kilo-Zahlen.
Auf meiner Seite zur HWS-Steilstellung habe ich es so beschrieben: Längere Bildschirmarbeit oder das „Nach-unten-Schauen“ beim Smartphone belastet die obere Halswirbelsäule, da bei nach vorne geneigtem Kopf permanent die Muskulatur gegenhalten muss. Darum werden die Beschwerden bei vielen nach langem Sitzen stärker oder abends, wenn sie im Bett noch aufs Smartphone oder Tablet schauen.
Macht der Kopfvorschub Kopfschmerzen?
Ganz so einfach ist es nicht, und hier möchte ich genau sein. Eine Übersichtsarbeit aus Madrid hat zwölf Studien zusammengefasst: Menschen mit chronischen Kopfschmerzen halten den Kopf im Mittel weiter vorne als Menschen ohne Kopfschmerzen und als Menschen, die nur ab und zu Kopfschmerzen haben.
Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für die Ursache. Es kann sein, dass die Haltung zum Kopfschmerz beiträgt. Es kann auch sein, dass Menschen mit viel Kopfschmerz ihren Kopf anders halten. Beides ist aus diesen Studien nicht zu trennen.
Auf meiner Seite zu Migräne habe ich beschrieben, dass die Muskulatur der oberen Halswirbelsäule besonders empfindlich ist. Dauerhafte Fehlhaltung und lange Bildschirmarbeit setzen ihr zu, ebenso emotionale Anspannung, Zähnepressen und Schlafmangel. Welche Kopfschmerzformen es gibt und wann der Nacken wirklich beteiligt ist, habe ich im Beitrag Spannungskopfschmerz, Migräne oder vom Nacken? erklärt.
Was Sie selbst tun können
Die folgenden Punkte sind keine Therapie, sondern Einstellungen und Gewohnheiten. Sie kosten wenig und schaden nicht. Ob sie Ihre Kopfschmerzen verändern, kann ich nicht versprechen.
Bildschirm und Abstand. Die Arbeitsstättenregel für Bildschirmarbeit (ASR A6) nennt einen Sehabstand von mindestens 50 Zentimetern. Bei einer günstigen Haltung im Sitzen geht der Blick leicht nach unten, etwa 30 bis 35 Grad unter die Waagerechte, und trifft die Mitte des Bildschirms. Steht der Monitor zu hoch, zu tief oder zu weit weg, kommt der Kopf von allein nach vorne.
Laptop. Wer täglich am Laptop arbeitet, braucht nach derselben Regel eine eigene Tastatur und, je nach Arbeit, eine eigene Maus. Dann lässt sich der Bildschirm auf eine Höhe bringen, bei der Sie nicht nach unten kriechen müssen.
Haltung wechseln. Die Regel empfiehlt bei Bildschirmarbeit einen häufigen Wechsel der Haltung und der Sitzposition, wo möglich auch zwischen Sitzen und Stehen. Die beste Haltung ist die nächste.
Kurz und regelmäßig bewegen
In einer dänischen Studie mit 198 Büroangestellten, die häufig Nacken- und Schulterschmerzen hatten, trainierten zwei Gruppen zehn Wochen lang an fünf Tagen pro Woche mit einem elastischen Band, die eine 2 Minuten, die andere 12 Minuten am Tag. In beiden Gruppen traten Kopfschmerzen seltener auf als in der Vergleichsgruppe. Wie stark und wie lange die verbleibenden Kopfschmerzen waren, änderte sich nicht. Das ist ein Ergebnis aus einer Nebenauswertung, aber es zeigt: Schon wenig Bewegung kann etwas ausmachen.
Das Handy höher halten. Wer das Handy auf Brusthöhe hält statt auf dem Schoß, muss den Kopf weniger weit senken.
Wann zu mir, wann zum Arzt?
Zuerst ärztlich abklären lassen sollten Sie Kopfschmerzen, die neu und anders sind als alles, was Sie kennen, die plötzlich extrem stark einsetzen oder die mit Lähmung, Sprach- oder Sehstörungen, Taubheit im Gesicht, Fieber oder Verwirrtheit auftreten. Eine Übersicht steht auf meiner Seite Neurologische Warnsignale. Auch wer an 15 oder mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen hat und dagegen regelmäßig Schmerzmittel nimmt, gehört in ärztliche Hände, weil die Mittel selbst Kopfschmerzen unterhalten können.
Zu mir kommen Sie, wenn die ärztliche Abklärung erfolgt ist und Sie wissen möchten, ob die obere Halswirbelsäule eine Rolle spielt. Aus meiner Erfahrung lohnt sich ein genauer Blick besonders dann, wenn Kopfschmerzen oder Migräne seit Monaten oder Jahren bestehen, die Beschwerden trotz Behandlung immer wiederkehren oder Kopfschmerzen und Nackenbeschwerden gleichzeitig auftreten. Für die Untersuchung beim ersten Termin lasse ich mir Zeit, und wenn ich bei Ihren Kopfschmerzen keinen sinnvollen Ansatz sehe, sage ich Ihnen das offen. Wie ich bei Migräne und Kopfschmerzen arbeite, steht auf meiner Seite Migräne und Kopfschmerzen.

Häufige Fragen
Wie oft sollte ich die Haltung wechseln?
So oft, wie es Ihre Arbeit zulässt. Die Arbeitsstättenregel verlangt, dass ununterbrochene statische Belastung auf ein Minimum reduziert wird, zum Beispiel durch mehrfachen Wechsel zwischen Sitzen und Stehen im Lauf des Tages.
Ist der Kopfvorschub dasselbe wie eine HWS-Steilstellung?
Nein. Der Kopfvorschub beschreibt, wo der Kopf im Verhältnis zu den Schultern steht. Die Steilstellung beschreibt die Form der Halswirbelsäule. Beides kann zusammen vorkommen; mehr dazu auf meiner Seite zur HWS-Steilstellung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Ein drückender Kopf nach dem Bildschirmtag ist das eine. Der plötzliche, stärkste Kopfschmerz Ihres Lebens ist etwas anderes und gehört sofort in ärztliche Hände (Notruf 112), genau wie eine plötzliche Lähmung, eine Sprach- oder Sehstörung oder Taubheit im Gesicht. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
- Elizagaray-Garcia I et al.: Chronic Primary Headache Subjects Have Greater Forward Head Posture than Asymptomatic and Episodic Primary Headache Sufferers: Systematic Review and Meta-analysis. Pain Med 2020;21(10):2465–2480. PubMed 33118601
- Hansraj KK: Assessment of stresses in the cervical spine caused by posture and position of the head. Surg Technol Int 2014;25:277–279. PubMed 25393825
- Andersen LL et al.: Effect of brief daily exercise on headache among adults – secondary analysis of a randomized controlled trial. Scand J Work Environ Health 2011;37(6):547–550. PubMed 21617837
- Technische Regeln für Arbeitsstätten ASR A6 „Bildschirmarbeit“, Abschnitt 6 Gestaltungsanforderungen (6.3.1, 6.3.2, 6.3.4, 6.3.9, 6.3.11). vorschriften.bgn-branchenwissen.de
- ICHD-3, 8.2 Medication-overuse headache. ichd-3.org
- Do TP et al.: Red and orange flags for secondary headaches in clinical practice: SNNOOP10 list. Neurology 2019;92(3):134–144. PubMed 30587518
