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Kopfschmerzen: Spannungskopfschmerz, Migräne oder vom Nacken?
von Frank Libossek | Oktober 31, 2026 | Migräne & Kopfschmerzen
Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Ob es drückt wie ein enges Band, ob es auf einer Seite pocht oder ob der Schmerz vom Nacken nach vorne zieht, macht einen Unterschied. Für die Einordnung, für die Behandlung und für die Frage, ob der Nacken überhaupt beteiligt ist. Ich erkläre hier drei Formen, so wie die internationale Kopfschmerz-Klassifikation sie beschreibt, und sage dazu, wo der Nacken eine Rolle spielen kann und wo nicht.
Woran erkennt man einen Spannungskopfschmerz?
Der Spannungskopfschmerz ist der Kopfschmerz, den fast jeder kennt. Er sitzt meist auf beiden Seiten, fühlt sich drückend oder ziehend an, nicht pochend, und ist leicht bis mittelstark. Viele beschreiben ihn wie einen Reifen um den Kopf. Er dauert eine halbe Stunde bis zu mehreren Tagen. Typisch ist auch, was fehlt: Gehen oder Treppensteigen machen ihn nicht schlimmer, Übelkeit gehört nicht dazu, und höchstens eines von beiden, Licht oder Lärm, wird als unangenehm empfunden.
So steht es in der internationalen Klassifikation der Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3), nach der auch Neurologen einordnen.
Woran erkennt man eine Migräne?
Eine Migräne kommt in Attacken, die unbehandelt vier Stunden bis drei Tage dauern. Der Schmerz ist oft einseitig und pulsierend, mittelstark bis stark, und schon normale Bewegung verstärkt ihn, sodass viele sich hinlegen. Dazu kommen Übelkeit oder Erbrechen oder eine Empfindlichkeit gegen Licht und Lärm zugleich. Von einer Migräne spricht man nach der Klassifikation erst, wenn mindestens fünf solcher Attacken aufgetreten sind.
Manche Menschen haben zusätzlich eine Aura: Flimmern im Sehfeld, Kribbeln oder Sprachstörungen, die dem Kopfschmerz vorausgehen. Treten solche Zeichen zum ersten Mal auf, gehören sie zuerst ärztlich abgeklärt.
Spannungskopfschmerz und Migräne treten häufig bei derselben Person auf. Die Klassifikation empfiehlt deshalb ein Kopfschmerztagebuch, um beide auseinanderzuhalten. Ein paar Wochen Notizen helfen auch mir, Ihre Kopfschmerzen besser einzuordnen.
Und wann kommt der Kopfschmerz vom Nacken?
Hier wird es genauer, als viele denken. In der Medizin heißt der Kopfschmerz vom Nacken zervikogener Kopfschmerz. Die Klassifikation verlangt dafür einen Befund an der Halswirbelsäule oder den Weichteilen des Halses, der Kopfschmerz auslösen kann, und mindestens zwei Hinweise auf einen echten Zusammenhang: Der Kopfschmerz begann zusammen mit dem Nackenproblem, er bessert sich, wenn sich der Nacken bessert, die Beweglichkeit des Halses ist eingeschränkt und bestimmte Bewegungen lösen den Kopfschmerz aus, oder er verschwindet nach einer gezielten Betäubung im Halsbereich.
Typisch, aber kein Beweis: Der Schmerz sitzt immer auf derselben Seite, lässt sich durch Druck auf die Nackenmuskeln oder durch Kopfbewegungen auslösen und zieht vom Hinterkopf nach vorne. Häufig ist diese Form nicht: In einer großen Bevölkerungsstudie aus Norwegen erfüllten 4,1 Prozent der untersuchten Erwachsenen die Kriterien.
Ehrlich gesagt ist das eine Zahl, die mich vorsichtig macht. Nicht jeder Kopfschmerz mit verspanntem Nacken ist ein Kopfschmerz vom Nacken.
Kurz gesagt: die drei Formen im Vergleich
- Spannungskopfschmerz: beidseitig, drückend oder ziehend, leicht bis mittel, 30 Minuten bis 7 Tage, Bewegung macht ihn nicht schlimmer, keine Übelkeit.
- Migräne: oft einseitig und pulsierend, mittel bis stark, 4 bis 72 Stunden, Bewegung verstärkt ihn, Übelkeit oder Licht- und Lärmempfindlichkeit.
- Kopfschmerz vom Nacken (zervikogen): meist mit Nackenschmerz, oft immer dieselbe Seite, vom Hinterkopf nach vorne, ausgelöst durch Kopfbewegung oder Druck am Nacken; nur mit Befund am Hals und nachweisbarem Zusammenhang.
Was hat die obere Halswirbelsäule damit zu tun und was nicht?
Nackenschmerzen begleiten Kopfschmerzen auffallend oft. Eine Übersichtsarbeit aus Kopenhagen fand in Kopfschmerz-Sprechstunden bei 77 Prozent der Migränepatienten Nackenschmerzen, bei Menschen ohne Kopfschmerzen bei 23 Prozent. In einer dänischen Bevölkerungsstudie hatten 88 Prozent der Menschen mit Spannungskopfschmerz innerhalb eines Jahres Nackenschmerzen.
Es gibt auch eine anatomische Erklärung, warum Schmerz aus dem oberen Nacken im Kopf ankommen kann: Die Nerven der oberen Halswirbelsäule und der Trigeminusnerv, der den Kopf versorgt, laufen im Hirnstamm auf dieselben Nervenzellen zu. Darüber habe ich auf meiner Seite zum Trigeminusnerv mehr geschrieben.
Was daraus nicht folgt: dass der Nacken die Ursache jeder Migräne oder jedes Spannungskopfschmerzes ist. Ob der Nacken bei der Migräne Auslöser, Mitspieler oder Folge ist, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Die Klassifikation weist außerdem darauf hin, dass auffällige Bilder der oberen Halswirbelsäule auch bei Menschen ohne Kopfschmerzen häufig sind. Ein Röntgen- oder MRT-Bild allein beweist also keinen Zusammenhang. Wie ich die Rolle des Atlas bei Migräne sehe, steht auf meiner Seite Migräne und Kopfschmerzen.

Was ich frage und untersuche
Ich höre mir Ihre Geschichte an. Welche Beschwerden bestehen? Seit wann? Was wurde bereits versucht? Wenn Sie ein Kopfschmerztagebuch haben, bringen Sie es gerne mit.
Bei der Untersuchung schaue ich mir Atlasposition, Körperstatik, Beweglichkeit der Halswirbelsäule, Kieferfunktion und die Spannung von Muskeln und Gewebe an, vor allem aber, wie das alles zusammenspielt. Finde ich für Ihre Kopfschmerzen keinen sinnvollen Ansatz, sage ich Ihnen das und nenne Ihnen, wenn es passt, eine andere Fachrichtung.
Eine ärztliche Diagnose ersetzt das nicht. Mein Ansatz ersetzt diese Abklärung nicht. Er ergänzt sie.

Wann sollten Sie zuerst ärztlich abklären lassen?
Manche Kopfschmerzen gehören nicht in meine Praxis, sondern sofort in ärztliche Hände. Dazu zählen ein plötzlicher, extrem starker Kopfschmerz, Kopfschmerz mit Lähmung, Sprach- oder Sehstörung, Taubheit im Gesicht, Fieber mit steifem Nacken oder Verwirrtheit, ein neuer Kopfschmerz nach einem Sturz oder Unfall und Kopfschmerzen, die sich über Wochen deutlich verändern. Eine Übersicht dieser Zeichen steht auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Ein Punkt wird oft übersehen: Wer an 15 oder mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen hat und seit über drei Monaten regelmäßig Schmerz- oder Migränemittel nimmt, kann einen Kopfschmerz durch Übergebrauch von Medikamenten haben. Bei Triptanen reichen dafür schon zehn Einnahmetage im Monat. Das gehört in die Hand Ihrer Ärztin oder Ihres Arztes.
Häufige Fragen
Kann ich selbst erkennen, welchen Kopfschmerz ich habe?
Eine erste Orientierung ja, eine Diagnose nein. Die Merkmale oben helfen beim Beobachten, und ein Kopfschmerztagebuch macht die Muster sichtbar. Die Diagnose stellt eine Ärztin oder ein Arzt.
Ist ein verspannter Nacken ein Zeichen, dass der Kopfschmerz vom Nacken kommt?
Nicht unbedingt. Nackenschmerzen sind bei Migräne und Spannungskopfschmerz sehr häufig. Ein Kopfschmerz vom Nacken im engen Sinn verlangt einen Befund am Hals und einen nachweisbaren Zusammenhang.
Wann ist ein Termin bei mir sinnvoll?
Wenn Ihre Kopfschmerzen ärztlich abgeklärt sind und Sie wissen möchten, ob die obere Halswirbelsäule eine Rolle spielt. Ob ich einen Ansatzpunkt sehe, sage ich Ihnen nach der Untersuchung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Ist ein Kopfschmerz plötzlich ganz anders als Ihre gewohnten und der stärkste Ihres Lebens, wählen Sie sofort den Notruf 112. Genauso wenig warten sollten Sie bei einer plötzlichen Lähmung, bei Taubheit im Gesicht oder einer Sprach- oder Sehstörung. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
- Headache Classification Committee of the International Headache Society: The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3), 1.1 Migraine without aura. ichd-3.org
- ICHD-3, 2.2 Frequent episodic tension-type headache. ichd-3.org
- ICHD-3, 11.2.1 Cervicogenic headache. ichd-3.org
- ICHD-3, 8.2 Medication-overuse headache und 8.2.2 Triptan-overuse headache. ichd-3.org
- Sjaastad O: Cervicogenic headache: comparison with migraine without aura; Vågå study. Cephalalgia 2008;28 Suppl 1:18–20. PubMed 18494988
- Al-Khazali HM et al.: Prevalence of neck pain in migraine: A systematic review and meta-analysis. Cephalalgia 2022;42(7):663–673. PubMed 35166137
- Ashina S et al.: Prevalence of neck pain in migraine and tension-type headache: a population study. Cephalalgia 2015;35(3):211–219. PubMed 24853166
- Do TP et al.: Red and orange flags for secondary headaches in clinical practice: SNNOOP10 list. Neurology 2019;92(3):134–144. PubMed 30587518
