
Atlasblockade, Atlasfehlstellung, Atlasrotation – was meint wer?
Viele, die zu mir kommen, haben einen dieser Begriffe schon gehört: beim Orthopäden, in der Physiotherapie oder im Internet. Oft meinen die Beteiligten damit nicht dasselbe. Ich ordne die drei Begriffe hier ein, so ehrlich ich kann, auch dort, wo meine eigene Methode nicht auf sicherem Boden steht.
Atlasblockade – ein Begriff aus der Manuellen Medizin
In der Manuellen Medizin, also der Chirotherapie von Ärzten und Physiotherapeuten, meint „Blockierung“ eine umkehrbare Bewegungseinschränkung eines Gelenks. Das Gelenk ist nicht beschädigt, es bewegt sich aber in eine Richtung schlechter als in die andere. Eine Atlasblockade bedeutet demnach: Das Gelenk zwischen Kopf und Atlas oder zwischen Atlas und Axis ist in seiner Beweglichkeit gestört.
Festgestellt wird das mit den Händen, durch Tasten und Bewegungstests, nicht auf dem Röntgenbild. In der deutschen Diagnosen-Verschlüsselung (ICD-10-GM) gibt es dafür den Schlüssel M99.0 „Segmentale und somatische Funktionsstörungen“, mit einer Ergänzung für den Kopfbereich oder den Halsbereich.
Wie verlässlich solche Tastbefunde sind, ist untersucht. Eine Übersichtsarbeit über 49 Studien fand: Tests auf Schmerz beim Drücken sind am zuverlässigsten, Bewegungstests nur zum Teil, und zwei Untersucher kommen am selben Menschen nicht immer zum selben Ergebnis.
Atlasfehlstellung – eine Beschreibung der Lage
„Atlasfehlstellung“ beschreibt die Lage des Wirbels: Der Atlas sitze gegenüber Kopf und Axis verschoben oder verdreht. Diesen Begriff verwenden vor allem Anwender von Atlas-Methoden, auch ich auf meinen Seiten. Die ICD-10-GM führt zwar einen Schlüssel M99.1 „Subluxation der Wirbelsäule“, legt aber keine Messwerte fest, ab wann ein Atlas „fehlsteht“.
Das Messen ist das eigentliche Problem. Kopf und Atlas sitzen auch bei gesunden Menschen nicht vollkommen symmetrisch. In einer Studie aus Finnland zeigten 98 von 100 Menschen ohne Nackenbeschwerden in der Computertomografie eine Verdrehung zwischen Atlas und Axis von bis zu 11 Grad, einen nicht ganz mittig stehenden Dens oder leicht versetzte Gelenkflächen. Eine Asymmetrie auf einem Bild beweist also für sich allein nicht, dass sie Beschwerden verursacht. Ich sage das offen, weil auch in meinem Fach manchmal mit Bildern argumentiert wird, die das nicht hergeben.
Was ich in meiner Praxis beurteile, sind Tastbefund, Beweglichkeit, Muskelspannung und die Geschichte Ihrer Beschwerden. Das ist eine Einschätzung aus Erfahrung, kein Messwert.
Atlasrotation – zwei sehr verschiedene Bedeutungen
Mit „Atlasrotation“ kann zweierlei gemeint sein. Unter Anwendern von Atlas-Methoden meint man meist eine leichte Verdrehung des Atlas, also eine Form der Atlasfehlstellung.
In der Medizin gibt es dagegen ein seltenes, klar umrissenes Krankheitsbild: die atlantoaxiale Rotationsfixation. Dabei ist der Atlas gegenüber dem Axis verdreht und darin festgehakt. Der Kopf steht schief, lässt sich nur eingeschränkt und oft unter Schmerzen bewegen. Gesichert wird das mit Bildgebung, behandelt wird es ärztlich, manchmal mit Zug am Kopf oder einer Operation. Das gehört nicht in meine Praxis.
Was davon messbar ist
- Atlasblockade (Manuelle Medizin): eingeschränkte Beweglichkeit eines Kopfgelenks. Festgestellt mit Tastbefund und Bewegungstests – das Ergebnis hängt vom Untersucher ab.
- Atlasfehlstellung (Anwender von Atlas-Methoden, auch ich): Atlas verschoben oder verdreht. Es gibt keine anerkannten Grenzwerte; leichte Asymmetrien sind auch bei Gesunden häufig.
- Atlasrotation im medizinischen Sinn (Medizin): festgehakte Verdrehung zwischen Atlas und Axis mit Schiefhals. Mit Bildgebung nachweisbar.
Was das für meine Arbeit heißt
Ich benutze das Wort Atlasfehlstellung, weil es beschreibt, was ich beim Tasten finde, und weil viele Patienten es kennen. Ich behaupte aber nicht, dass ich sie wie mit einem Lineal vermessen kann, und ich verspreche nicht, dass ihre Korrektur Beschwerden beseitigt. Die Studienlage zur Atlaskorrektur selbst ist dünn. Was es gibt, habe ich auf der Seite Die Wissenschaft hinter der Atlaskorrektur zusammengestellt.
Wie die Kopfgelenke gebaut sind, erkläre ich auf der Seite Atlas und Axis. Wenn Sie wissen wollen, ob eine Untersuchung bei Ihnen sinnvoll ist, sprechen Sie mich an.
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Ob Blockade oder Fehlstellung: Der Begriff ist egal, wenn plötzlich eine Lähmung, eine Sprach- oder Sehstörung, Taubheit im Gesicht oder der stärkste Kopfschmerz Ihres Lebens auftritt. Dann zählt jede Minute, wählen Sie sofort den Notruf 112. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.

Quellen
- Moll H et al.: Die reversible hypomobile artikuläre Dysfunktion – die Blockierung. Manuelle Medizin 2010. link.springer.com
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ICD-10-GM 2026, Block M95–M99 (M99.0, M99.1). bfarm.de
- Seffinger MA et al.: Reliability of spinal palpation for diagnosis of back and neck pain: a systematic review of the literature. Spine 2004;29(19):E413–E425. PubMed 15454722
- Peltonen H et al.: Variations in the atlantoaxial joint detected by computed tomography in control patients. Radiography 2025;31(6):103183. PubMed 41061502
- Fielding JW, Hawkins RJ: Atlanto-axial rotatory fixation. J Bone Joint Surg Am 1977;59(1):37–44. PubMed 833172
