
Die Bänder der oberen Halswirbelsäule
Die Kopfgelenke sind die beweglichsten Gelenke der Wirbelsäule. Ihre Knochen geben ihnen wenig Führung, den Halt geben vor allem Bänder. Drei davon sind besonders wichtig: das Querband des Atlas, die Flügelbänder und die Membrana tectoria. Ich erkläre hier, was sie halten, was nach einem Unfall mit ihnen passieren kann und was die Forschung dazu wirklich weiß.
Warum brauchen die Kopfgelenke so viele Bänder?
Zwischen Hinterhaupt, Atlas und Axis nicken und drehen wir den Kopf. Etwa die Hälfte der gesamten Drehung der Halswirbelsäule findet allein zwischen Atlas und Axis statt. Damit so viel Bewegung möglich ist, sind die Gelenkflächen flach und wenig geführt. Die Stabilität kommt von einem Geflecht aus Bändern und von den tiefen Nackenmuskeln. Wie die Knochen selbst gebaut sind, beschreibe ich auf der Seite Atlas und Axis.

Das Querband des Atlas: es hält den Zahn
Aus dem Axis ragt ein Knochenzapfen nach oben, der Dens. Er steht vorn im Ring des Atlas. Hinter ihm spannt sich ein kräftiges Band quer durch den Ring, von einer Seite des Atlas zur anderen: das Ligamentum transversum atlantis, das Querband. Es drückt den Dens gegen den vorderen Bogen des Atlas und hält ihn dort, während sich der Atlas um ihn dreht.
Das ist wichtiger, als es klingt. Direkt hinter dem Querband liegt das Rückenmark. Wenn das Band nachgibt, kann der Dens nach hinten rutschen und dort Druck machen.

Die Flügelbänder bremsen die Drehung
Von der Spitze des Dens ziehen zwei kurze, feste Bänder schräg nach oben zum Rand des großen Hinterhauptslochs: die Ligamenta alaria, die Flügelbänder. In einer anatomischen Untersuchung an 19 Präparaten waren sie etwa 10 bis 13 Millimeter lang und bestanden vor allem aus Kollagenfasern, die sich wenig dehnen lassen.
Die Flügelbänder begrenzen die Drehung des Kopfes und das seitliche Neigen. Dreht man den Kopf nach rechts, bremst das linke Band, und umgekehrt. Am stärksten gespannt sind sie, wenn der Kopf gedreht und gleichzeitig nach vorn gebeugt ist.

Die Membrana tectoria: das Dach über dem Dens
Hinter Dens und Querband liegt eine breite, flache Bandplatte, die den Dens von hinten bedeckt. Darum heißt sie Membrana tectoria, die „deckende Membran“. Sie ist fest am Körper des Axis und an der Schädelbasis angewachsen und im Mittel nur etwa einen Millimeter dick.
In einer Untersuchung an 13 Präparaten begrenzte sie das Vorbeugen des Kopfes nicht. Sie wirkte eher wie eine Hängematte: Waren Querband und Flügelbänder durchtrennt, spannte sie sich über den Dens und hielt ihn davon ab, nach hinten in den Wirbelkanal zu rutschen.
Was passiert mit den Bändern bei einem Schleudertrauma?
Bei einem Auffahrunfall wird der Kopf ruckartig nach vorn und hinten geworfen. Wenn er dabei zusätzlich gedreht ist, stehen die Flügelbänder unter der größten Spannung. Darum wurde lange vermutet, dass gezerrte oder eingerissene Bänder die Ursache für anhaltende Beschwerden nach einem Schleudertrauma sind.
Die Bildgebung hat diese Vermutung bisher nicht bestätigt. In einer norwegischen Studie wurden die Bänder von 91 Menschen kurz nach einem Schleudertrauma und ein Jahr später im MRT untersucht, dazu 52 Menschen mit Nackenschmerzen ohne Unfall. Auffällige Signale in Flügelbändern und Querband fanden sich in beiden Gruppen ähnlich oft, und sie veränderten sich im Lauf des Jahres kaum. Eine Auswertung mehrerer solcher Studien kam zum gleichen Ergebnis: Die Veränderungen im MRT hängen nicht mit dem Unfall zusammen. Die Autoren raten davon ab, die Bänder nach einem Schleudertrauma routinemäßig im MRT zu untersuchen.
Ich möchte ehrlich sein: Das heißt nicht, dass Beschwerden nach einem Unfall eingebildet sind. Es heißt nur, dass man sie auf dem MRT-Bild der Bänder meist nicht sieht.
Wann ist eine Instabilität ernst?
Eine echte Instabilität der oberen Halswirbelsäule ist selten, aber ernst. Sie kann nach schweren Verletzungen entstehen. Bei rheumatoider Arthritis kann die Entzündung das Querband und die Gelenke um den Dens angreifen; viele Betroffene haben dabei lange kaum Beschwerden, bis Druck auf das Rückenmark entsteht. Eine aktuelle Übersichtsarbeit rät darum, die Halswirbelsäule bei Menschen mit rheumatoider Arthritis und erhöhtem Risiko regelmäßig zu kontrollieren.
Nach einem Unfall gehört der Nacken zuerst in ärztliche Hände, vor allem bei Kribbeln in Armen oder Beinen. Die Ärztin oder der Arzt entscheidet dann nach festen Regeln, etwa der Canadian C-Spine Rule, ob geröntgt oder eine Computertomografie gemacht wird. Mehr zu den Zeichen, bei denen Sie sofort Hilfe brauchen, steht auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Was das für meine Arbeit heißt
Eine starke und bestätigte Instabilität der Bänder der oberen Halswirbelsäule, eine rheumatoide Arthritis mit Beteiligung der oberen Halswirbelsäule und frische Verletzungen im Hals- oder Kopfbereich schließen eine Atlaskorrektur aus. Das steht auf meiner Seite Kontraindikationen der Atlaskorrektur. Die Atlaskorrektur, die ich anwende, ist keine chiropraktische Behandlung: kein Einrenken, keine ruckartige Manipulation. Ob sie für Sie geeignet ist, kläre ich vor jeder Behandlung in einer gründlichen Untersuchung mit Ihnen.
Häufige Fragen
Kann man ein gerissenes Flügelband im MRT sehen?
Ein frischer, vollständiger Riss nach einem schweren Unfall kann in der Bildgebung sichtbar sein. Bei den häufigen leichten Auffahrunfällen zeigen die Studien aber etwas anderes: Helle Signale in den Bändern finden sich bei Menschen mit und ohne Unfall ähnlich oft. Ein solcher Befund allein beweist darum keine Verletzung.
Wie erkenne ich, ob meine Halswirbelsäule instabil ist?
Selbst gar nicht, und ich kann es mit den Händen auch nicht sicher feststellen. Eine Instabilität wird ärztlich und mit Bildgebung abgeklärt. Wenn Sie nach einem Unfall Kribbeln oder Schwäche in Armen oder Beinen bemerken, lassen Sie das sofort ärztlich abklären.
Hängen meine Beschwerden nach einem Schleudertrauma mit dem Atlas zusammen?
Das lässt sich nur im Einzelfall einschätzen. Was ich bei Schwindel und bei Nacken- und Rückenschmerzen beobachte, habe ich dort jeweils beschrieben. Wie Röntgen und MRT dabei helfen und wo ihre Grenzen liegen, steht auf der Seite Röntgen und MRT am Atlas.
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Ob nach einem Unfall oder nicht: Eine plötzliche Lähmung, eine Sprach- oder Sehstörung, Taubheit im Gesicht und der stärkste Kopfschmerz Ihres Lebens sind ein Notfall, wählen Sie sofort die 112. Was nach einem Unfall außerdem dazugehört, steht auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
- Gray H: Anatomy of the Human Body, 20. Auflage 1918 (gemeinfrei), Abbildungen 306 und 307. Wikimedia Commons
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