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Kiefer pressen in der Nacht – was dahinter steckt und was hilft
von Frank Libossek | Oktober 31, 2026 | Ursachen & Diagnose
Morgens sind die Kaumuskeln müde, die Schläfen drücken, und bei der Kontrolle sagt die Zahnärztin, die Zähne seien abgerieben. Viele, die nachts pressen oder knirschen, merken es selbst nicht. Ich fasse hier zusammen, was die Forschung über das nächtliche Pressen weiß, wer die Zähne anschauen sollte und wo der Nacken ins Spiel kommen kann.
Was passiert, wenn ich nachts mit den Zähnen presse?
Fachleute nennen das Schlafbruxismus. Eine internationale Gruppe von Expertinnen und Experten hat 2018 beschrieben, was damit gemeint ist: Aktivität der Kaumuskeln im Schlaf, entweder im Takt, wie beim Knirschen, oder ohne Takt, wie beim festen Aufeinanderbeißen. Davon unterscheiden sie den Wachbruxismus am Tag. Dabei berühren sich die Zähne immer wieder oder lange, oder der Unterkiefer wird angespannt oder nach vorn geschoben, oft ohne dass man es merkt.
Wichtig an dieser Einigung finde ich einen Satz: Bei sonst gesunden Menschen gilt Bruxismus nicht als Krankheit, sondern als Verhalten. Es kann ein Risiko für bestimmte Beschwerden sein. Eine feste Grenze zwischen „presst“ und „presst nicht“ gibt es bei Gesunden nicht, es ist ein Mehr oder Weniger.

Wie häufig ist das?
Genau weiß das niemand, weil die meisten Zahlen aus Fragebögen stammen und nicht aus dem Schlaflabor. Eine Übersicht von 2013 kam bei Erwachsenen für häufiges nächtliches Knirschen auf etwa 13 Prozent und fand, dass es im Alter seltener wird. Eine neuere Auswertung von 2024 schätzt den Schlafbruxismus weltweit auf etwa 21 Prozent. Die Autoren beider Arbeiten weisen selbst darauf hin, wie unsicher diese Zahlen sind.
Mir begegnet das in der Praxis sehr oft: Viele merken erst an einem verspannten Kiefer am Morgen, an Schmerzen an den Schläfen oder an empfindlichen Zähnen, dass sie nachts pressen oder knirschen.
Welche Rolle spielen Stress und Schlaf?
Stress und Pressen hängen zusammen. In einer Auswertung hatten gestresste Menschen etwa doppelt so oft einen Bruxismus, die Belege dafür sind aber schwach, für den Bruxismus im Schlaf sogar sehr schwach. Eine zweite Übersicht zum nächtlichen Knirschen kommt zu einem ähnlich vorsichtigen Ergebnis.
Auch andere Schlafstörungen kommen zusammen mit nächtlichem Knirschen häufiger vor. Eine Übersicht fand Schlafbruxismus öfter bei Menschen mit Schlafapnoe, also Atemaussetzern im Schlaf, mit unruhigen Beinen oder mit nächtlichem Sodbrennen. Warum, ist offen. Für die Schlafapnoe sind die Studien widersprüchlich: Eine Auswertung von 2024 fand keinen klaren Zusammenhang. Wer laut schnarcht, Atemaussetzer hat oder tagsüber sehr müde ist, sollte das unabhängig vom Pressen ärztlich abklären lassen.
Was hat der Kiefer mit dem Nacken zu tun?
Kiefer und oberer Nacken sind über das Nervensystem eng verbunden. Die Schmerzbahnen aus dem Gesicht und aus dem oberen Nacken laufen im Hirnstamm in einem gemeinsamen Kerngebiet zusammen. Wie das gebaut ist und was Studien zu Kiefer, Nacken und Haltung zeigen, habe ich auf meiner Seite CMD: Kiefer, Halswirbelsäule und Haltung ausführlich beschrieben, den Nerv selbst auf der Seite Trigeminusnerv.
Für das Pressen selbst sind zwei Ergebnisse hilfreich. Wer nachts knirscht, hat in Beobachtungsstudien etwa doppelt so oft Beschwerden an Kiefergelenk und Kaumuskeln. Mit Spannungskopfschmerz hing das nächtliche Knirschen in einer Übersicht dagegen nicht zusammen, das Pressen am Tag schon. Ob Migräne damit zusammenhängt, ist umstritten.
Zahnarzt und Halswirbelsäule – nacheinander oder parallel?
In die Zahnarztpraxis gehört das Pressen auf jeden Fall. Dort lässt sich sehen, ob Zähne abgerieben oder gesprungen sind, und dort wird das Kiefergelenk untersucht. Oft wird eine Aufbissschiene für die Nacht angefertigt.
Aus meiner Erfahrung ist es sinnvoll, beides parallel anzugehen: die Zähne und die Schiene in der Zahnarztpraxis und daneben die Untersuchung der oberen Halswirbelsäule. Zahnärzte schauen nicht immer auf die Halswirbelsäule, und in meiner Praxis erlebe ich, dass eine Schiene ohne Behandlung des Atlas manchmal nur begrenzt wirkt. Das ist meine Beobachtung, belegt ist es nicht.
Ehrlich gesagt ist die Studienlage zur Schiene bescheidener, als viele denken. Eine Cochrane-Übersicht fand nicht genug Belege dafür, dass die Schiene das nächtliche Knirschen behandelt; für den Schutz der Zähne sah sie möglicherweise einen Nutzen. Eine spätere Übersicht konnte selbst das nicht klären, weil keine Studie den Zahnabrieb gemessen hatte. Manche Schienen verringerten das Knirschen kurzfristig, am deutlichsten solche, die den Unterkiefer etwas nach vorn holen; dass das auf Dauer anhält, ist nicht belegt. Biofeedback, Physiotherapie und Spritzen mit Botulinumtoxin zeigten in Studien Effekte, aber es fehlen Langzeitdaten. Botulinumtoxin senkte die gemessene Muskelaktivität, seltener geknirscht wurde dadurch nicht sicher.
Ich rate immer dazu, dass ich mich mit Ihrer Zahnärztin oder Ihrem Zahnarzt eng abstimme. Meine Behandlung ersetzt nicht die zahnärztliche oder kieferorthopädische Behandlung, sondern ergänzt sie.
Wann gehört es sofort in ärztliche Hände?
Das Pressen selbst ist kein Notfall. Ärztlich oder zahnärztlich rasch abklären lassen sollten Sie es, wenn
- sich der Mund plötzlich kaum noch öffnen lässt oder der Kiefer anschwillt, vor allem mit Fieber,
- ab etwa 50 Jahren neu Schmerzen beim Kauen auftreten, zusammen mit Kopfschmerzen an der Schläfe oder Sehstörungen – das kann eine Entzündung der Schläfenarterie sein und gehört noch am selben Tag ärztlich untersucht,
- Sie laut schnarchen, nachts Atemaussetzer bemerkt werden oder Sie tagsüber ständig müde sind.
Alle Zeichen, bei denen Sie sofort den Notruf wählen sollten, stehen auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Was ich tue
Oft steckt hinter dem Pressen Stress, ohne dass man es merkt. Steht man dauernd unter Anspannung, hält der Körper die Muskeln fest, vor allem im Kiefer, in Schultern und Nacken und tief rund um den Atlas. Darum schaue ich mir bei Menschen, die nachts pressen, auch die obere Halswirbelsäule an. Ist der Atlas daran beteiligt, korrigiere ich ihn sanft, ohne Knacken und ohne Manipulation. Eine passende Schiene und die Atlaskorrektur ersetzen einander nicht, sie ergänzen sich. Wie Kiefer und Atlas aus meiner Sicht zusammenhängen, steht auf meiner Seite CMD & Kieferbeschwerden.

Häufige Fragen
Kann ich nächtliches Pressen ganz abstellen?
Versprechen kann das niemand. Nach der Studienlage gibt es keine Behandlung, die das Pressen sicher und dauerhaft beendet. Es geht meist darum, die Zähne zu schützen, Beschwerden zu lindern und herauszufinden, was das Pressen bei Ihnen verstärkt.
Welche Schiene ist die richtige?
Das entscheidet Ihre Zahnärztin oder Ihr Zahnarzt nach der Untersuchung. Ich empfehle kein bestimmtes Produkt und keine Schiene aus dem Internet.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Einordnung und stellt keine Heilaussage dar. Anders als das Pressen sind eine plötzliche Lähmung, Taubheit im Gesicht, eine Sprach- oder Sehstörung und der stärkste Kopfschmerz Ihres Lebens ein Notfall: Wählen Sie dann sofort den Notruf 112. Mehr auf meiner Seite Neurologische Warnsignale.
Quellen
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